Schlanke Weihnachten in Los Angeles
Von Marc Baumann, Journalist und Autor in Los Angeles, Kalifornien
Wow, ist diese Frau eine Augenweide», ruft mein Sportkollege Jim. Auf den Fernsehbildschirmen unseres Fitnesscenters flimmert ein Werbespot mit dem australischen Popstar Kylie Minogue. Die Sängerin trägt ein hautenges, schwarzes Sport-Outfit und präsentiert in einem blau ausgeleuchteten Raum mit einer Gruppe muskulöser, halbnackter Männer so anspruchsvolle Aerobic-Bewegungen, dass einem der Atem stockt.
«Halte deine Schönheit in Form! Werde für nur fünf Dollar pro Monat Mitglied», beschwört uns die zweitgrösste US-Fitnesscentergruppe Bally in blutroten Lettern. «Das will ich auch – wo kann ich unterschreiben?», witzelt Jim.
Auf den Cardiomaschinen neben uns lachen alle. Sie wissen, dass es leichter ist, Gouverneur von Kalifornien zu werden, als die Mitgliedschaft in einem Fitnessklub zu wechseln. Und diese ist in Los Angeles lebensnotwendig. Denn in der weitläufigen 10-Millionen-Einwohner-Metropole sind Fitnesscenter die Drehscheibe für alle Lebensbereiche.
Wer neu ist in L. A., Ausgehtipps oder einen Arzt braucht, plaudern, neue Freunde, einen Flirt finden oder beruflich weiterkommen will, für den ist die Mitgliedschaft in einem Sportklub unabdingbar. Ausserdem sind hier Sport, Fitness und Pflege des Aussehens Teil des Lebensstils – und daher ein Must.
Eine Frau, die hinter Jim mit einem Starbucks-Kaffee in der Hand Kniebeugen macht, meint, dass die Mehrheit der Sportklubbetreiber Halunken seien, die Hobby-Athleten mit Lockvogelangeboten und versteckten Vertragsfinten übers Ohr hauen. Sie selbst hätte schon gegen zwei Unternehmen Klage eingereicht.
Sie ist nicht allein. Beim amerikanischen Preisüberwacher in Washington sind allein letztes Jahr über 1500 Klagen von erzürnten Fitnessklubbenützern eingegangen. Gegen mehrere marktdominierende Sportketten sind gerichtliche Verfahren wegen Irreführung im Gange. Und im Internet haben Plattformen für wütende Konsumenten massiven Zulauf. Auf Sites wie epinions.com, thecomplaintstation.com und consumeraffairs.com gehören die «Gyms» zu den meistdiskutierten Themen.
Besonders dicke Überraschungen können zur Vorweihnachtszeit blühen. Denn wie Bally gehen alle Sportklubs mit Spezialangeboten und Events auf Kundenfang. Bewusst aufs schlechte Gewissen der linienbewussten Angelenos abgezielt, lancieren Unternehmen wie 24 Hour Fitness, Gold’s Gym, Crunch und Bodies in Motion Aktionen wie das «Fettfreie-Thanksgiving»-Schnupperabo, das «Schlanke-Weihnachten»-Fitnesspaket oder den «Verliere-8-Kilo-in-2-Wochen»-Wettbewerb.
Klubmitglieder können nicht nur rund um die Uhr an sämtlichen Feiertagen trainieren, sondern auch aus vielen Events wie kostenlosen Diätberatungs-Weekends, multikulturellen «Health-Food»-Lunches, beruflichen Networking-Cocktails und feuchtfröhlichen Weihnachtspartys wählen. «Damit du auch wirklich Gewicht verlierst, nehmen sie dir sogar das Portemonnaie weg», sagt Jim sarkastisch, während er auf der Cardiomaschine in die 35. Minute pedalt.
Jim war fünf Jahre zuvor auf den «5-Dollar-per-month»-Christmas-Special der Fitnesskette Bally hereingefallen. Obwohl ihm die freundliche und grossbusige «Fitnessberaterin» bei der Vertragsunterzeichnung zugesichert hatte, dass es sich um eine dreimonatige Mitgliedschaft handle, die er jederzeit kündigen könne, musste Jim später beim Lesen des Kleingedruckten feststellen, dass er einen Dreijahresvertrag unterschrieben hatte.
Ebenfalls zu spät realisierte er, dass der Betrag von 5 Dollar nicht einfach ein monatlicher Mitgliederbeitrag war, sondern als Ratenabzahlung des dreijährigen Mitgliederbeitrags von 1500 Dollar ausgelegt wurde, den ihm Bally als Darlehen gewährte. Der Zinssatz dieses Abzahlungsvertrags lag bei 16 Prozent!
Jim begriff nun, wie er mit dem vermeintlich attraktiven Christmas-Special regelrecht übers Ohr gehauen wurde. Seine mehrfachen Versuche, den Dreijahresvertrag vorzeitig zu kündigen, scheiterten. Bally beharrte auf der Verbindlichkeit der schriftlichen Vertragskonditionen – von falschen Versprechungen seiner Angestellten wollte das Unternehmen nichts wissen.
Bis heute erhält Jim zweimal pro Woche den Anruf eines Schuldeneintreibers, der ihn in rüdem Ton daran erinnert, endlich den ausstehenden Betrag von über 1200 Dollar zu begleichen. Jim trainiert längst nicht mehr bei Bally und weigert sich zu zahlen. Das Fitnesscenter hat vor kurzem gedroht, gerichtlich gegen ihn vorzugehen.
Jim und ich steigen schweisstriefend von den Cardiomaschinen. Wir beschliessen, nächstes Jahr unsere Mitgliedschaft zu kündigen, um dem grössten und schönsten Fitnesscenter von Los Angeles beizutreten: dem Strand. Dort kostet uns die Eintrittsgebühr ein sonniges Lächeln.
Schweizer Magazin “K Spezial”, 10. Dezember 2003
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