Blogs – Ein neues Medium auf Welteroberung
Sie geben Einblicke in ihr Privatleben, decken Skandale auf, kommentieren das Weltgeschehen und durchforsten das Web: Blogger haben ein neues Medium geschaffen – und gewinnen laufend an Einfluss.
Vor drei Jahren war Markos Moulitsas noch ein unbekannter 30-jähriger, der gerade das Jurastudium abgeschlossen hatte und als Webspezialist im Silicon Valley etwas Geld verdiente. Heute rennt er von einem Medieninterview zu nächsten, verabredet sich mit namhaften Kongressabgeordneten in Washington und ist sogar den Regierungsangestellten im Weissen Haus ein Begriff. Den Promistatus verdankt der promovierte Jurist seiner Internetseite Daily Kos, auf welcher er täglich aktuelle Nachrichtenverweise, kritische Kommentare und messerscharfe Analysen zum politischen Geschehen in den USA veröffentlicht – mit klar links-liberalem Einschlag.
Daily Kos entwickelte sich in zweieinhalb Jahren – nicht zuletzt wegen der vielbeachteten Berichterstattung zu den letztjährigen Präsidentschaftswahlen – zum erfolgreichsten politischen Weblog in Amerika. Die Site, welche nun auch Beiträge von über einem Dutzend Gastautoren beinhaltet, verzeichnet heute im Durchschnitt vier Millionen Leser pro Monat. “Ich wollte anfangs einfach nur schreiben, um mit der politischen Lage meines Landes klarzukommen”, sagt er. Nie hätte er geglaubt, dass sich seine Webseite zu einer solch grossen Internetgemeinschaft von Gleichgesinnten entwickeln würde.
Moulitsas ist kein Ausnahmeerscheinung. Ganz Amerika ist vom Blog-Fieber erfasst. Gemäss einer einer Studie des Pew Internet & American Life Projects haben 8 Millionen Amerikaner ein Weblog angelegt – vor drei Jahren waren es noch rund 150000. Schätzungen zufolge kommen jeden Tag 23000 neue Blogs dazu. An Leserschaft fehlt es nicht. Gar 32 Millionen Personen in den Vereinigten Staaten – ein Drittel aller Internetnutzer – haben Ende 2004 angegeben, regelmässig Weblogs zu lesen, 58 Prozent mehr als im vorangegangenen Februar.
Die Medienaufmerksamkeit ist dementsprechend so gross wie noch nie zuvor. Renommierte Publikationen wie Newsweek, Wired und New York Times Magazine hieften das Phänomen Blog auf ihre Titelseiten, der Fernsehsender ABC News rief die Blogger – die Verfasser der Blogs – zu den “Menschen des Jahres 2004”. Das US-Pendant des Duden, Merriam-Webster, kürte “Blog” zum “Wort des Jahres” – es war mit Abstand der meistgesuchte Begriff.
Ein Weblog oder Blog – ein Kunstbegriff aus Web und Logbuch – stellt eine Art Online-Tagebuch dar. Die Autoren, Blogger genannt, schreiben – oft auf ein Thema konzentriert – über interessante Seiten, die sie im Internet entdeckt haben oder kommentieren aktuelle Ereignisse. Die neuesten Einträge stehen zumeist am Anfang der Seiten. Sie werden regelmäßig, oft mehrmals täglich erstellt. Die Texte enthalten Querverweise zu den entsprechenden Funden auf anderen Webseiten und bieten Gelegenheit zur Diskussion über den jeweiligen Eintrag. Dank Linklisten zu anderen Blogs entstehen mitunter einflussreiche Interessennetze (“Online Communities”) verschiedener Reichweite. Ortsgebundenheit kennen Blogger nicht; dank mobilen Datenübermittlungsmöglichkeiten via SMS und Email können Texte, Photos, Audio- und Videodokumente von jedem beliebigen Standort aus im Netz veröffentlicht werden.
Die rapide wachsende Beliebtheit verdanken die Weblogs vor allem dem einfachen System, das dahinter steckt. Ein leicht zu bedienendes, web-basierendes Publishing-Tool, das zahlreiche Provider kostenlos oder zu einer geringen Monatsgebühr anbieten (siehe Kasten), ermöglicht es nahezu jedem, innert Minuten ein eigenes Weblog zu erstellen und Millionen von Internetnutzern zu erreichen.
“Weblogs geben jedem eine Stimme”
Der Kalifornier Evan Williams entwickelte das erste dieser Tools, “Blogger”. Damit lancierte er den ersten kommerziellen US-Webprovider, Pyra Labs, und brachte die Bloggerbewegung ins Rollen. Doch erst mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden Medien und Öffentlîchkeit weltweit auf das neue Medium aufmerksam. Vom Bedürfnis getrieben, ihre Fassungslosigkeit und Trauer mit anderen zu teilen, schilderten Webautoren die Schreckensereignisse in ihren Blogs minütlich und in einer persönlichen, unverblümten und authentischen Art und Weise, wie es die grossen Medien nicht vermochten. Renommierte Newsorganisationen wie CNN mussten auf Videoaufnahmen der Blogger zurückgreifen, welche bereits im Internet veröffentlicht waren.
Überhaupt allem Krisen und Katastrophen waren es, die weltweit immer mehr Menschen den besondern Nutzen der Weblogs vor Augen führte. Seit dem Beginn des Iraq-Kriegs wandten sich Scharen von Newshungrigen dem Internet zu, weil sie sich von den durch die US-Behörden zensurierten “Mainstream”-Medien nicht umfassend informiert fühlten. So genannte “War Blogger” – meist Einheimische und ausländische Zivilisten – avancierten zu begehrten Informationsquellen, weil sie unerschrocken und ungeschminkt vom Leben in der Belagerung erzählten, wie es sonst nirgendwo zu erfahren war. Während den tumultuösen Präsidentschaftswahlen in der Ukraine kommunizierten politische Gruppen und Einwohner über Internetjournale; nur so konnten sie ungehindert Neuigkeiten und Meinungen austauschen. “Gleichgültig wo du lebst – Weblogs geben jedem eine Stimme,” bekräftigt Polit-Blogger Moulitsas.
Eine noch gewichtigere Rolle nahmen die Netzchronisten bei der asiatischen Seebebenkatastrophe vom Dezember ein. Sie veröffentlichten nicht nur erneut als Erste Augenzeugenerichte und Videoaufnahmen vom Naturdesaster, sondern wirkten als Informationsnetze auch bei der Koordination der Rettungsmassnahmen, bei der Suche von Vermissten und der Beschaffung von Spendengeldern massgeblich mit.
Die Schweiz ist in Sachen Blogs ein Entwicklungsland
In Amerika lernen die Blogger Politikern und etablierte Medien zunehmend das Fürchten. In ihren Beiträgen – meist eine Mischung aus Newsauslese und Kommentaren – zetteln sie hitzige politische Debatten an, hinterfragen Machträger und verweisen auf von der Presse unterschlagenen Ereignisse. Als Aufpasser aus dem Cyberspace entlarven sie zudem auch lügende Politiker und bringen Schummeleien der etablierten Medien ans Tageslicht. So brachten sie letztes Jahr den Starjournalisten Dan Rather von CBS News zu Fall, indem sie seine in einer Sendung präsentierten Dokumente über die Militärzeit von Präsident Bush als Fälschung entlarvten (“Memogate”). Seit den letztjährigen Präsidentschaftswahlen sind die namhaftesten Blogger in den Tross der politischen Berichterstatter aufgenommen. Überrascht vom unerwartet starken Einfluss der Bloggerbewegung auf die öffentliche Meinung gingen George W. Bush wie John Kerry mit aufwendig produzierten Internettagebücher auf Wählerfang und Spendensuche und läuteten so eine neue Epoche des amerikanischen Wahlkampfs ein.
In Europa liegt die Verbreitung der Blogs weit hinter den Vereinigten Staaten zurück. Während die Internet-Tagbücher in Ländern wie Grossbritannien, Frankreich und Polen boomen, sind Internetnutzer im deutschsprachigen Raum erst daran, das neue Medium zu entdecken. Rasant verläuft die Entwicklung in Deutschland. Dort ist die Zahl der Weblogs in den letzten zwei Jahren von 500 auf 50’000 explodiert. Täglich kommen im Schnitt 120 dazu.
Die Schweiz ist in Sachen Blogs noch ein Entwicklungsland. Gemäss Schätzungen finden sich insgesamt zwischen 1000 und 2000 helvetische Blogs im Internet. Damit bloggen 0.6 Prozent der Internutznutzer, in den USA liegt diese Zahl bei 7 Prozent. “Ich staune, dass die Schweizer Blogger-Szene nicht lebendiger ist”, sagt Mario Purkathofer, Dozent für Neue Medien an der Zürcher Hochschule für Gestaltung (HGKZ), “vom Netzzugang müsste das Land eine Vorreiterrolle spielen.” In der Tat ist die Internetnutzung in der Schweiz die höchste in Europa. 55 Prozent der Einwohner verfügen über einen Internetanschluss.
Martin Hitz, der als Mitarbeiter am European Journalism Observatory an der Universität der Italienischen Schweiz das Thema Blogging verfolgt, sieht die zögerliche Verbreitung ebenfalls in der hiesigen Mentalität begründet. “Mit einem Blog exponiert man sich – das entspricht nicht dem Naturell der Schweizer”, sagt der 33-jährige. Er selbst betreibt seit über zwei Jahren das vielbeachtete Weblog “Medienspiegel” mit News und Beobachtungen zum Schweizer Mediengeschehen.
Die meisten Blogs sind private Tagebücher
Eines der bekanntesten Blogs im deutschsprachigen Raum ist das von vier deutsche Medienjournalisten verfasste “Bildblog“. Ihre kritischen Beobachtungen zur Berichterstattung des grössten deutschen Boulevardblatts verfolgen bis zu 300’00 Leser im Monat. Ebenfalls beliebt ist “Der Schockwellenreiter” des Berliner EDV-Dozenten Jörg Kantel, der mit seinen geistreichen Kommentaren zu IT, Internet, Musik und vielem mehr monatlich 180’000 Seitenabrufe verzeichnet.
Obwohl es im Internet fachspezifische Journale zu jedem erdenklichen Thema gibt, besteht der Grossteil der deutschsprachigen “Blogosphäre” (die Gesamtheit aller Blogs) aus privaten Online-Tagebüchern. Die hauptsächlich jüngeren Nutzer berichten darin von (mitunter banalen) alltäglichen Erlebnissen, von Liebesnöten, Lieblingsbeschäftigungen, Haustieren, langen Trinknächten und öden Familientreffen. Beliebt ist auch das Postieren von Texten und (Handy-) Schnappschüssen von unterwegs – auch Moblogging genannt.
Eines der meistgelesenen Schweiz Webjournale trägt den Titel “Une fille du Limmatquai”. Darin hält eine Zürcherin ohne Preisgabe ihrer Identität auf sprachlich gekonnte Weise Erlebnisse und Beobachtungen aus der Limmatstadt fest. Sie ist eine von vielen Bloggern, die ihre persönlichen Notizen unter dem Schutz der Anonymität ins World Wide Web stellt.
Von Politik und Wirtschaft werden die Weblogs bisher kaum benutzt. Nicht so in den Vereinigten Staaten: Seit der Präsidentschaftskandidat Howard Dean letztes Jahr dank seiner auf dem Internet basierenden Wahlkampfstrategie eine neue Wählergeneration und Millionen von Spendengeldern für sich gewinnen konnte, gehören Online-Debaten und Weblogs für US-Politiker zur Selbstverständlichkeit.
Auch amerikanische Konzerne wie General Motors, Microsoft, Nike und Google haben längst erkannt, dass Unternehmenstagebücher im Internet geeignete Instrumente sind, um Produkte zu bewerben, die Bindung zu Kunden zu stärken oder negativer PR entgegenzutreten. Hierzulande sind “corporate blogs” bisher wenig verbreitet, lediglich ein Handvoll deutscher Technologieunternehmen, Werbeagenturen und Beratungsfirmen hat Blogs für sich entdeckt. Auch eine beachtliche Zahl deutscher Parteien und Politiker sind bereits rege Blogger. In der Schweiz zählen der Zürcher Nationalrat Ruedi Aeschbacher, der Berner Lokalpolitiker Alec von Graffenried und die Freiheits-Partei zu den wenigen Fortschrittlichen.
(Update: Wie im CH-Blog Blogs und Politik nachzulesen ist, hat sich die diesbezügliche Situation leicht gebessert.)
Die etablierten Medien üben sich gegenüber den “eierlegenden Wollmilchsäue der Internetpublizistik” (Weltwoche) noch in Zurückhaltung. Einige Journalisten belächeln die Weblogs als Zeitvertreib von Hobby-Journalisten, welchen jede Glaubwürdigkeit abzusprechen ist, anderen feiern sie als die Medien der Zukunft. Vor allem im Printbereich, wo viele Titel kontinuierliche Auflageneinbussen zu verkraften haben, versucht man die abwandernde Leserschaft mit thematisch breitgefächerten Online-Journalen zurückzugewinnen. So sind Publikationen wie der Tages-Anzeiger, Weltwoche, Bund, Zeit und Handelsblatt mit einem oder mehreren Weblog(s) im Internet präsent.
Die “Rheinische Post” in Düsseldorf ging gar einen Schritt weiter. Seit anfangs Februar ist der Zeitung ein 14-tägliches Magazin mit dem Titel “Opinio” beigelegt, dessen Beiträge ausschliesslich von seinen Lesern verfasst sind. Der Verlag bezeichnet die Neulancierung als erste deutsche Publikation, welches “die Schreibkultur der Blogger auf einen Printtitel überträgt”. Ist das Pilotprojekt erfolgreich, dann soll “Opinio” als eigenständige Zeitschrift am Kiosk erhältlich sein.
Mit einem “Fluchtversuch” nach vorn reagierte die krisengeschüttelte “Le monde” auf den Blogging-Trend. Als erste Zeitung der Welt bietet das das französische Renommierblatt seit Dezember einen Blog-Dienst an. Über dessen Website können Internetnutzer kostenlos ihr eigenes Netztagebuch erstellen. Die Links zu den beliebtesten Leser-Blogs sind auf der gleichen Site veröffentlicht, auf der die Online-Journale von sechs “Le-monde”-Journalisten angepriesen werden.
Medienexperten sind überzeugt, dass den Blogs in diesem Jahr im deutschsprachigen Raum den Durchbruch gelingen wird. Klare Anzeichen dafür sehen im stetig wachsenden Markt der Anbieter. So lancierte der Softwareriese Microsoft, der den das Blog-Phänomen bis dahin ignoriert hatte, im Dezember seinen Blogdienst mit einem riesigen Paukenschlag: “MSN Spaces” ist in 14 Sprachen und 26 Ländern erhältlich und verzeichnet bereits 1.5 Millionen Nutzer. Zwei der grössten amerikanischen Blog-Provider, Blogger und Typepad, bieten ebenfalls seit kurzem eine deutsche Version ihres Publikations-Tools an. Die Firma Google, die heutige Blogger-Besitzerin, erkannte schon vor zwei Jahren das Marktpotential und übernahm den Dienst von seinem Gründer.
Kenner der helvetischen Blogger-Szene haben jedoch Zweifel, dass auch in der Schweiz Online-Tagebücher wie Pilze aus dem Boden schiessen werden. Hitz, Autor des Blogs “Medienspiegel”, glaubt, dass das wenig polarisierte Vielparteiensystem – anders als in den USA – kaum Nährstoff für das Gedeihen einer debattierfreuden Blog-Szene bietet. Zudem würde das hierzulande wenig ausgeprägte Mitteilungsbedürfnis der rasanten Verbreitung von Netzjournalen im Weg stehen. Sein Fazit: “Ich glaube, dass in der Schweiz der grosse Blog-Boom ausbleiben wird.” Im Land der “Early Adapters” hat es schon immer ein wenig länger gedauert, bis sich internationale Trends durchsetzen.
Konsummagazin K-Spezial, 23. März 2005, von Marc Baumann
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